Willi Rüscher

Ihr Bruder erhielt einen Bauchschuss

Liebe Familie Rüscher!     Schallodenbach, den 11.08.1945

 

Durch mein Schreiben wird Ihnen wohl ein großer Schmerz widerfahren. Ich muss Ihnen nämlich die traurige Mitteilung machen, dass Ihr Bruder Wilhelm am letzten Tage des Krieges hier, am 19. März 1945, den Heldentod gestorben ist.

In der Mittagsstunde hat er noch zusammen mit seinem Kameraden Georg Kraus (vielleicht ist er Ihnen bekannt) bei einer Frau hier zu Mittag gegessen. Dann sind die beiden schnell wieder mit ihrem Pferdefuhrwerk weg, denn sie wollten unter allen Umständen noch über den Rhein. Doch kaum waren sie ungefähr 100 Meter vom Dorfrand entfernt, da griffen die JaBos wieder an und Ihr lieber Bruder, mitsamt seinem Kameraden, fiel dem Kugelregen zum Opfer. Ihr Bruder erhielt einen Bauchschuss und sein Kamerad einen Kopfschuss; beide waren sofort tot.

Zwei Tage später wurden sie zusammen mit noch vier Kameraden und einem Zivilisten auf unserem Friedhof hier, durch einen katholischen Geistlichen und unter Beteiligung des ganzen Dorfes, zu Grabe getragen.

Möge die Gewissheit, dass Ihr lieber Bruder durch einen kath. Pfarrer beerdigt und in geweihter Erde sein Grab gefunden hat, ein kleiner Trost in Ihrem großen Schmerze sein.

Gleichzeitig überreiche ich Ihnen auch den Nachlass Ihres Bruders, bzw. alles, was man beim Begräbnis noch bei ihm gefunden hat; die Brieftasche mit verschiedenen Briefen und Bildern, sowie 190 RM Geld. Diese Nachricht gebe ich einer Frau mit, die von hier nach Duisburg bzw. nach Gelsenkirchen fährt, da ja durch die Post noch keine Möglichkeit besteht, weil wir hier französisch besetztes Gebiet haben. Ich möchte Sie jedoch nicht länger in Ungewissheit über das Schicksal Ihres lieben Bruders lassen.

Gleichzeitig geht auch eine Nachricht mit an eine Familie in Gelsenkirchen, deren Sohn auch hier begraben liegt.

Liebe Familie Rüscher! Wenn Sie das Grab Ihres lieben Bruders mal besuchen wollen, so sind Sie herzlich von uns eingeladen. Die Gemeinde wird alles tun, um die Gräber der Soldaten in einem schönen, sauberen Zustand zu erhalten.

Nehmen Sie hiermit meine innige Anteilnahme, auch die des Herrn Bürgermeisters und der Ortsbehörde entgegen, und seien Sie freundlichst gegrüßt!

 

Ihre Liesel Blümling