Eugen Frede zum Gedächtnis

...als griffe eine eisige Hand nach meinem Herzen.

Hans Bücker posthum an Eugen Frede, Heimatbrief Nr. 22, Erntedankfest 1942, Seite 6

 

Lieber Freund!
In unserem Blockhaus, das in einem der großen Sümpfe des nördlichen Russlands steht, sitze ich am roh gezimmerten Tisch und schreibe an Dich, schreibe einen Brief an einen Toten. Vor mir liegt ein kleines, schwarzgerändertes Stück Papier, das ich aus der Zeitung ausschnitt: Deine Todesanzeige.
Als ich vorgestern das erste Mal las, war es mir, als griffe eine eisige Hand nach meinem Herzen, ein unsagbarer Schmerz durchzuckte mich. Ich wollte nicht glauben, was ich dort las. Wohl eine Stunde habe ich so gesessen, den Kopf in die Hände gestützt, und fassungslos ins Leere geschaut. Dann habe ich wieder nach der Zeitung gegriffen und immer von neuem die wenigen Worte gelesen, bis sie mir zur Gewissheit wurden und in mir hämmerten: Er ist tot...
Niemand ahnt, wie tief mich diese Nachricht erschüttert hat. Eine Lücke ist in mein Leben gerissen, die sich nie mehr schließen wird. In schmerz und Trauer lässt du mich, der ich dir in Freundschaft verbunden war wie kein anderer, zurück. Seit unseren Kindertagen, soweit unser Bewusstsein zurückreicht, hingen wir einander an. Wo du warst, war auch ich. Wir wuchsen auf und waren einander wie Brüder, bis uns der Krieg trennte. Am gleichen Tag wurden wir zum Wehrdienst einberufen. In unserem jugendlichen Überschwang glaubten wir, schon zu spät zu kommen, der Krieg könne ohne uns zu Ende gehen. Welche Tragik lag in diesem Glauben. Wir kamen auseinander, und der Händedruck beim Abschied ist der Letzte gewesen. Als ich jüngst in Urlaub war, habe ich viel von dir gesprochen, gewünscht, dass du da wärest, dass wir uns sähen. Jeden Tag habe ich auf Dich gewartet, und Dich deckte schon der kühle Rasen.
Vor Jahren übersetzten wir einmal gemeinsam das Wort des römischen Dichters:
Dulce et decorum est pro patria mori" - „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben".
Nun ist das Wort an dir harte Wirklichkeit geworden. Du hast dein junges Leben dem Vaterlande geopfert. Dein Leben hat sich in diesem Opfertode vollendet. Aber für mich bist du nicht tot. Du lebst fort in meinem Herzen und wirst ewig darin leben.
In stillen Stunden halte ich Zwiesprache mit dir.
Ruhe nun aus, mein Freund, vom Streite. Ich verneige mich vor dir, dem jungen Helden.
In Treue
Dein Hans Bücker